Cemex und die archäologischen Ausgrabungen im Bereich der Kiesgrube Weimar (Lahn)

expertmexZusammenarbeit mit CEMEX in der Gewinnung von Kies und archäologischer Erkenntnisse.

Ausgrabungen im Bereich der Kiesgrube Weimar (Lahn), Kr. Marburg-Biedenkopf, Hessen

Beitrag von Dr. Christa Meiborg, Landesamt für Denkmalpflege Hessen

Archäologische Untersuchungen in den für den Kiesabbau vorgesehenen Flächen der Gemeinde Weimar (Lahn) gehören seit 1991 zu den Daueraufgaben der Hessen ARCHÄOLOGIE, Außenstelle Marburg. So konnte in den vergangenen 23 Jahren ein Areal von insgesamt 30,4 ha flächendeckend archäologisch untersucht und dabei über 5.500 Befunde vom Mesolithikum (Mittlere Steinzeit) bis zur Neuzeit dokumentiert werden:

Plan der Ausgrabungsfläche 2006–2013. –Orange: vorgeschichtliche Siedlungsfläche. –Grau unterlegt sind die archäologisch untersuchten Erweiterungsflächen 

Diese umfangreichen Ausgrabungen mussten und müssen in den komplexen Ablauf der Kiesgewinnung „eingetaktet“ werden. Dass dies immer wieder gelingt, ist in erster Linie der guten Zusammenarbeit mit der CEMEX Kies & Splitt GmbH als Eigentümer der Kiesgrube  zu verdanken.

Seit 2004 hat sich der Kiesabbau stark nach Südwesten erstmals auch auf Areale westlich der Allna ausgedehnt, nordwestlich begrenzt von der Bahnlinie Marburg–Gießen. Dieser „Sprung“ nach Südwesten spart zunächst große Bereiche um das Flüsschen Allna aus, die erst in einem späteren Abschnitt der Kiesgewinnung, voraussichtlich bis 2025 abgebaut werden sollen. Von 2007 bis 2012 wurden in der Gemeinde Weimar, teilweise direkt an den Kiestagebau angrenzend, weitere 35 ha Fläche im Vorfeld umfangreicher Straßenbaumaßnahmen archäologisch untersucht. All diese großflächigen Geländeaufschlüsse erbrachten eine Vielzahl archäologischer Relikte und erschlossen somit ein unschätzbares „Archiv“ zur Besiedlungsgeschichte des Lahntals während der vergangenen 11.000 Jahre.

Die heute eben erscheinende Talsohle der Lahn bei Weimar bildet eine weite Auenlandschaft, die seit Jahrhunderten von Überschwemmungen gefährdet wird. In den mächtigen Geländeaufschlüssen der Kiesgrube zeigte sich jedoch in den vergangenen Jahren, dass die prähistorische Topografie von älteren hochwasserfreien Geländerücken sowie flachen Senken und Rinnen geprägt war und sich damit dem vorgeschichtlichen Menschen – im Mündungswinkel zwischen Lahn und Allna – ein natürlich geschützter Siedlungsraum bot. Erstmals gelang es hier nun auch in den letzten Grabungskampagnen, die Überreste der ältesten Bauernkultur in Mitteleuropa, der jungsteinzeitlichen Linearbandkeramischen Kultur (ca. 5600 – 4800 v. Chr.), freizulegen:

Linearbandkeramischer Kumpf 

 Auch eindeutig bestimmbare, sehr qualitätvolle Keramikfragmente der ebenfalls jungsteinzeitlichen Michelsberger Kultur (ca. 4500 – 3400 v. Chr.) wurden erstmalig in diesem Gebiet nachgewiesen. Insgesamt ist die Jungsteinzeit auf den hier vorgestellten Arealen jedoch immer wieder nur punktuell genauer zu lokalisieren, da viele Funde wie etwa Steinbeile, Mahlsteinbruchstücke oder Silex- und Kieselschieferartefakte vorwiegend als Lesefunde knapp unter dem Pflughorizont geborgen wurden.

In der Eisenzeit scheinen große Bereiche der untersuchten Flächen attraktive Wohnstandorte gewesen zu sein, wie die immer wieder dokumentierten Vier- und Sechs-Pfosten-Grundrisse sowie zahlreiche Keramikfunde und eine Gewandspange dieser Epoche belegen:

 

Bronzefibel (Gewandspange) vom Ausgang der Eisenzeit/Übergang zur Römischen Kaiserzeit (um Chr. Geb./50 n. Chr.)

Dabei zeigen die stark vom Pflug in Mitleidenschaft gezogenen Überreste eines Grabes in der 2009 untersuchten Fläche, dass die zu den Dorfgemeinschaften gehörigen Bestattungsareale bislang nur sehr ausschnitthaft untersucht werden konnten. Dies beruht vielleicht auf dem Umstand, dass die Beisetzungen weiter weg von den Gehöften erfolgte waren und vom Kiesabbau vielleicht noch nicht erfasst wurden.

Mit den Ausgrabungen der aktuellen Fläche 2013 konnte nun eine neuzeitliche Befundgattung in größerer Anzahl (26 Stück) dokumentiert werden, die erstmals 2003 registriert worden war und heute über eine Fläche von rund 15 ha erfasst wurde. Es handelt sich dabei um die Überreste von bislang 53 Ofen- oder Brenngruben mit verziegelter Sohle, die teilweise annähernd in N–S ausgerichteten Reihen angeordnet waren:

 Sohlen von zwei nebeneinanderliegenden neuzeitlichen Brenngruben (Ofengruben Heerlager?) 

Die meisten dieser Befunde waren zwar fundleer, jedoch enthielten vier der 2013 gefundenen Ofengruben kleine verschmolzene Bleireste, eine weitere barg einen Eisennagel. Aus einem anderen Befund stammt ein Pfeifenkopf aus weißem Ton des späten 18. Jahrhunderts. Auch das Bodenfragment eines Gefäßes aus durchsichtigem Glas und eine grünglasierte Wandscherbe, die in unterschiedlichen Brenngruben geborgen wurden, deuten auf eine Datierung der Befunde in die Neuzeit:

  Auswahl von Funden aus neuzeitlichen Ofengruben. – Unten links: geschmolzene Bleirute aus Glasfenster. – Unten rechts: weißtoniger Pfeifenkopf.– Oben links: Krugfragment aus lila engobiertem Steinzeug. – Oben rechts: Bodenscherbe aus durchsichtigem Glas 

Ein überregionaler, deutschlandweiter Vergleich legt nahe, die Ofengruben auf dem Kiesgrubenareal der Gemeinde Weimar (Lahn) als Überreste eines Heerlagers, wohl aus der Periode des Siebenjährigen Krieges (1756–1763), zu interpretieren. So sind für das Lahntal rund um Marburg während der Zeit zwischen 1759 und 1763 viele Truppendurchmärsche der kriegsführenden Parteien belegt, wenn auch direkte Hinweise auf das hier vorgestellte Areal fehlen. Die in Reihen angeordneten Feuergruben spiegeln möglicherweise die ursprüngliche Ausrichtung der Zeltreihen wider. Die geborgenen Bleireste dürften auf den Guss von Kugeln vor Ort hinweisen, wie es aus verschiedenen Schriftquellen überliefert ist.
Die Ausgrabungsergebnisse aus den neuen Erweiterungsflächen der Kiesgrube machen erneut deutlich, wie wichtig die großflächigen archäologischen Untersuchungen zur Erforschung dieser vor- und frühgeschichtlichen Siedlungskammer sind und dass die Archäologie – selbst mit Blick auf die Neuzeit – noch neue Erkenntnisse zur Geschichtsforschung beitragen kann.

CEMEX Deutschland

EXPERTMEX LOGO TRANSP